Wildsalat Erkundungen zu Wildgemüse, Wildkräutern, Wildsalat

A chinese lion statue

Willkommen auf www.wildsalat.de. Ein Blog aus dem eigenen Erleben.
Seit mehr als 20 Jahren begleiten mich Wildkräuter in meinem Leben. Seit mehr als 15 Jahren auch als Wildsalat.
Die Entdeckung des wilden Geschmacks - kraftvoll, gehaltvoll, farbig, lichtvoll, strahlend, wild, rauh, lebendig, überraschend, außergewöhnlich, neuartig, würzig, wohltuend, heilsam.
Bitte unbedingt! nur das sammeln, essen, was ich sicher kenne und bestimmen kann!

Ameisen sind Frühaufsteher – Zaunwicke schmeckt nach Erbse

gj 30. Juni 2010

Jetzt, in dieser Jahresezeit, die Wiesen sind hoch gewachsen, die Wegsäume dicht, schaffen es bestimmte Pflanzenarten mit Hilfe von Klettervorrichtungen, hoch hinaus zu gelangen. Die Zaunwicke (Vicia sepium) gehört dazu. Lilafarbene Blüten, gefiederte Blätter, Kletterranken.
Früher hatte ich auch schon Wicke probiert. Nur vereinzelt, und erinnere mich nicht mehr, ob es sich damals um die Zaunwicke handelte und wie es schmeckte. Heute weiß ich es und kann sagen. Zaunwicke schmeckt nach frischen, jungen Erbsen. Ein ganz erstaunlicher Geschmack. Ist sogleich mit Erinnerungen verbunden. In den Garten gehen, junge, süße Erbsenschoten abpflücken, gleich vor Ort verspeisen. Wer das als Kind gemacht hat, wird diese Erinnerung in seinem Leib gespeichert haben. Daran erinnerte ich mich, als ich es geschafft hatte, die Triebspitzen der Zaunwicke zu probieren.
Man muss aufpassen, sonst verspeist man eine nicht so delikate Beilage gleich mit. Lebendige Ameisen. Und ich bin mir nicht sicher, ob mir das schmecken würde. Oder überhaupt jemand. Es ist sicher nicht angenehm, von einer Ameise an der Zunge erwischt zu werden.

Und egal, wie früh am Morgen ich bisher aufgetaucht bin, die Ameisen waren immer schon da. Hatten sich schon an den Blüten und Triebspitzen gesammelt. Was suchen sie da?
Ameisen sind immer auf der Suche. Auf der Suche nach Nahrung, insbesondere auf der Suche nach Süßem. Wer genau hinschaut, kann sehen, dass die Ameisen immer wieder eifrig an der Unterseite der kleinen Nebenblätter nachschauen. Dort befinden sich bei der Zaunwicke sogenannte Nektarien – Drüsen, die zuckerreichen Nektar ausscheiden, unabhängig von der Blüte. Und damit wäre die Erklärung gefunden, weswegen die Ameisen so beständig, so früh und so zäh an der Zaunwicke rauf- und runterklettern. Wie früh jetzt allerdings Ameisen aufstehen, vermag ich nicht zu sagen. Und mit Taschenlampe war ich bisher noch nicht Wildgemüse sammeln.
Gartentip: Wie der deutsche Name beschreibt, kann die Zaunwicke z.B. sehr gut am Gartenzaun ausgesät bzw. angepflanzt werden. Dann werden auch hier die Ameisen darauf achten, dass keine Pflanzenfeinde ihrer Nahrungspflanze, die so süßen Nektar spendet, ein Leid antun.

Mysteriöse Spuren am Fuß der Bäume – ich träume

gj 4. Juni 2010

Normalerweise bin ich immer mit Midou, meiner Golden Retriever Hündin unterwegs. Jetzt ist sie schon seit 14 Tagen in der Schweiz. Südlich der Alpen. Schön warm und sonnig ist es dort. Und hier, nördlich der Alpen, bei mir? Voralpenland. Kalt, regnerisch, grau. Wieder einmal.
Wer sich einmal daran gewöhnt hat, mit Hund unterwegs zu sein, wird sich schwer umgewöhnen. Oft heißt es ja: “Ach ja, es ist schwer, aber, ich will nicht klagen.” Doch, doch, ich möchte klagen, auch wenn es nichts nützt. Hiermit also getan.
So träume ich ein bisschen von Zeiten mit Midou und erinnere mich an Mitte April:
Das war mir noch nie aufgefallen. Dabei gehe ich hier fast täglich vorbei. Als ob jemand über Nacht seinen pflanzlichen Abfall abgeladen hätte. Gar nicht so kleine Häufchen, am Fuß der Fichten. Vier, fünf Bäume nebeneinander, etwas abseits stehend, und bei allen ein ganz ähnliches Bild. Mysteriös. Muss ich inspizieren.
Midou gesellt sich kurz mal dazu. Mir scheint, für sie ist es nicht wirklich neu.
Näherer Augenschein ergibt folgendes: Ansammlung der Reste von Fichtenzapfen. Die meisten feinsäuberlich auseinandergenommen. Da hat sich jemand viel Mühe gegeben, fleißig gesammelt. Oder sind das Überreste von Mahlzeiten?
Es gibt für mich nur eine Erklärung. Eichhörnchen. Sie schwärmen aus in die Umgebung, klauben die Zapfen und tragen sie an den Fuß großer Bäume. Hocken sich hin, nagen und schälen die Zapfen, verspeisen die Nüsschen. Im Ernstfall, wenn beispielsweise Midou heranjagt, weil sie den Geruch der Eichhörnchen so penetrant findet, flüchten diese, laut keckernd, behend den Baum hinauf. Zurück bleiben mysteriöse Spuren am Fuß der Bäume.
Ich träume. Und werde geweckt von einem kalten Regenschauer, der in mein Gesicht peitscht.

Spitze(n) im Geschmack – Maitriebe schmecken räumlich

gj 29. Mai 2010

Dass etwas räumlich schmecken kann, wird weiter unten im Beitrag geschildert.
Bäume kann man essen! Nun ja, nicht den gesamten Baum. Das überlasse ich bestimmten Tierarten. Aber die Triebspitzen diverser Nadelbaumarten esse ich sehr gerne. April und dann besonders im Mai ist die hohe Zeit ihrer Verwendung als kräftigendes, stärkendes Lebensmittel.
Wer jetzt anmerkt, dass der Mai für dieses Jahr schließlich so gut wie vorbei ist, und sich fragt, warum ich erst jetzt darüber schreibe, da muss ich recht geben, es ist spät. Aber ganz so sklavisch ist das mit den Zeiten und dem Namen nicht gemeint. Kennzeichnend für die Maitriebe, sie sind frisch hellgrün, noch weich und nicht verhärtet. Solange diese Merkmale zutreffen, kann man zugreifen. Später ist es einfach nur mühselig, sie zu verspeisen und es knackt auch komisch im Mund. Eine Verwendung ist auch dann noch möglich, z.B. als Fichtennadeltee.
Manch einer mag vielleicht die Verwendung der Maitriebe im Fichtenzapferlhonig kennen (hilft gut gegen Husten). Aber warum nur als Hustenhonig, wenn sie auch so gegessen werden können. Ganz ausgezeichnet und sehr eigen im Geschmack, bringen sie eine einzigartige, feine, zitronig-harzige Note in das Essen.

Und darüber hinaus? Was vermittelt sich abgesehen vom eigentlichen Geschmack noch über das Essen? Welch besondere Wirkung sich manchmal entfaltet, konnte mir Christiane schildern.
Sie aß meinen Wildsalat, wie schon öfter dieses Jahr. Dieses Mal aber legte sie zwischendrin das Besteck beiseite und fragte mich:
“Was hast Du heute bloß mit dem Salat gemacht?”
“Nichts anderes als sonst auch. Chinakohl, Fenchel, Wildkräuter, Buttermilch und alles andere auch. Alles wie sonst.”
“Die Wildkräuter, so kraftvoll, so viel Licht, so stark heute. Woran liegt das? Welche Blumen hast Du da rein getan?”
“Ich habe keine Blumen rein getan.”
“Warum schmeckt es dann nach Blüten? Es schmeckt hell. Und der Salat ist ganz seltsam kühl. Hast Du den vor dem Essen gekühlt?”
“Ich habe ihn nicht gekühlt. Was merkst Du noch?”
“Es ist anders als sonst. Sonst ist es auch gut, sonst schmeckt es auch, es ist immer etwas besonderes. Aber heute, heute ist etwas anders. Als ob sich große, weite Räume nach oben öffnen und gleichzeitig eine Verbindung zur Erde aufgebaut wird. Ich habe das Gefühl es ist ein räumliches Essen.”
Ich sagte ihr, dass ich heute Bäume reingetan hätte.
Daraufhin sie: ”Das ist das erste Mal, dass ich etwas Räumliches gegessen habe. Ich wusste nicht, dass ein Essen räumlich werden kann. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es eine Substanz ist, sondern ein aufgedehnter Raum. Ein ganzes Universum erschließt sich. Es macht nachdenklich, still, demütig und bescheiden.”

Übrigens: in vielen deutschen Gärten stehen Fichten oder Tannen; einfach mal die Maitriebe probieren; einfacher geht die Ernte kaum; und vielleicht erleben andere Menschen dann auch ähnliches beim Essen.

Farbig gewürzt – Gundermann

gj 27. Mai 2010

Die Farbpalette ist um ein Farbenspiel angereichert. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal rosa-violettfarbenen Gundermann (Gleochoma hederacea) gesehen und fotografiert. Zusammen mit der normalfarbigen Variante. Gundelrebe wird dieses sehr schmackhafte Pflänzchen auch genannt. Schmackhaft ganz sicher, würzig auch, später im Jahr mit einer scharfen Note. Ich liebe den Geschmack von Gundermann. Ich verwende die gesamte Pflanze. Im Frühjahr vor der Blüte sind die Blätter weich, zart, mild im Geschmack. Während der Zeit der Blüte konzentrieren sich Geschmacksstoffe in der Pflanze. Das setzt sich im Jahresverlauf fort. Da sie sich aber munter ausbreitet und andauernd neue Blätter treibt, sind immer junge Blätter vorhanden. Wir dürfen auswählen, was wir essen wollen.
Die schlichteste Art der Verwendung, ich schneide sie mit in den Salat. Raffinierter wird es, wenn ich sie bspw. gezielt für eine Salatsoße verwende, entweder sehr klein geschnitten oder mit einem Stabmixer in der Soße zerkleinert.
Hier, ohne Gewähr auf vollendeten Geschmack, Zutaten für eine ungewöhnliche und schmackhafte Salatsoße. Genaue Maßangaben kann ich leider nicht geben, da ich so etwas immer nach Augenmaß zusammenstelle: Apfel, Olivenöl, Apfelessig, Salz, Pfeffer, Prise Zucker, (Cayenne-Pfeffer), Buttermilch, Gundermann, Wasser. Apfel kleinschneiden, zusammen mit allen weiteren Zutaten in einem geeigneten Gefäß pürieren (Mixer oder Pürierstab). Durch den Wasseranteil kann die Konsistenz variiert werden. Der Gundermann verleiht eine pikante Note.
Auch andere Verwendungsmöglichkeiten bieten sich an. Kräuterbutter, als Küchengewürz in Suppen, …

Gartentip: So viele Menschen haben die Gundelrebe in ihren Gärten (gewollt oder nicht) und oft wird sie nur als Unkraut gerupft und auf den Kompost gegeben. Dabei ist sie ein wirklich guter, schön blühender Bodendecker. Der intensive Geruch der sich ausbreitet, wenn Gundermann abgemäht, gerupft oder gejätet wird, lässt Rückschlüsse auf den Geschmack. Wenn die Gundelrebe in Schach gehalten werden muss, dann ein paar Spitzchen für den Salat reservieren.

Weiss-blau – wir sind in Bayern

gj 26. Mai 2010

Weissblau ist der Himmel über Oberbayern. Wer die geografischen Koordinaten entschlüsselt, wird herausfinden, dass Midou (mein Golden Retriever), die mich normalerweise täglich raus an die frische Luft führt, in Oberbayern wohnt. Passend in einem weissen und blauen Blütenkleid präsentiert sich der Kriechende Günsel (Ajuga reptans). Ich hatte schon einmal über ihn berichtet. Damals ging es um die Genießbarkeit, in diesem Beitrag  um Blütenfarben.
Wenn ich anfange, mich mit einem Thema zu beschäftigen, mein Augenmerk darauf zu richten, dann entdecke ich plötzlich immer mehr dazu. Bekomme Anregungen, Impulse, Eindrücke. Vielleicht geht es auch anderen Menschen so. Na, ich bin mir sogar ganz sicher, dass es anderen auch so geht.
Jedenfalls, so geht es mir mit meinen Schilderungen über ‘die weißen Schafe in der Familie’.
Jetzt also eine weisse Farbvariante des eigentlich blau blühenden Kriechenden Günsels. Es ist keine ganz große Seltenheit. Aber auch nicht überall zu finden. Wahrlich nicht. Wer ein bisschen durch das Gelände streift, hat vielleicht Glück. Besonders schön ist das Vorkommen beider Blühfarben am selben Ort.
Das “Kriechende” beim Günsel dient der Ausbreitung. Es sind die Triebe, die sich dicht über dem Boden oder knapp unterhalb der Oberfläche entlang schieben.
An diesem Standort habe ich keine Mischfarbe gesehen. Obwohl sie so nahe beieinander stehen, scheinen sie sich nicht über Bestäubung zu mischen.
Meiner Beobachtung nach wird Farbvariation auch durch Standortbedingungen ausgelöst. Früh im Jahr blühte an dieser Stelle das Frühlings-Hungerblümchen (Erophila verna). Ein treffender Name für das kleine Pflänzchen. Es zeigt, magere, sonnige, trockene Böden an. Das wiederum ist nicht der klassische Wuchsort für den Kriechenden Günsel. Er mag es eigentlich frisch, nährstoffreich, kommt aber auch mit anderen Bedingungen zurecht.
Nicht weit davon entfernt am Wegesrand fand ich noch diesen schönen, richtig kräftig violett blühenden Kriechenden Günsel. Auch eine seltene Farbvariante. Nur drei, vier Pflänzchen auf einem trockenen, verdichteten Boden. Was wiederum für Standortbedingungen als Auslöser spricht. Das ist statistisch-wissenschaftlich ganz und gar nicht abgesichert. Nur meine Beobachtungen und Geländeerfahrungen sprechen dafür.
Natürlich habe ich diese Pflänzchen geschmacklich getestet und probiert. Bitter sind sie alle gewesen. Die Blüten selbst waren besser zu vertragen. Groß sind sie nicht, die Blüten. Es dauert also ein Weilchen, bis eine ausreichende Anzahl gezupft wäre. Aber darum geht es ja bei dieser Pflanze nicht.

Gartentip: Kriechender Günsel eignet sich sehr gut als Bodendecker. Zwischen Stauden gesetzt, breitet er sich schön, aber nicht expansiv, aus, verzweigt sich, deckt den Boden mit der Zeit ab. Einmal im Jahr blüht er prachtvoll. Insekten lieben ihn. Ansonsten ist er unauffällig. Lässt sich gut regulieren, wenn man den Platz benötigt. Für naturnah angelegte Gärten mehr als nur eine Überlegung wert.